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Rosalie bekommt eine schweizer Adresse

Standort: Port Napoléon, Rhone Delta, Südfrankreich
43°22'611N / 004°49'643E

Am 26. November 2025, vor 187 Tagen, auch wenn es sich manchmal wie gestern und manchmal wie ein ganz anderes Leben anfühlt, haben wir Rosalie hier stehen lassen und sind zurück in die Schweiz gefahren.

Zurück in unser Haus. Zurück in unseren Alltag. Zurück in ein Leben mit Terminen, Sitzungen, Arbeitswegen und Einkaufslisten. Wir haben beide einen Job gesucht und gefunden. Wir haben den Sprung zurück ins Hamsterrad gewagt und sind dabei nicht einmal gross gestrauchelt. Ehrlich gesagt ist es schon beeindruckend, wie schnell einen der Alltag wieder einfängt. Fast zwei Jahre Auszeit fühlen sich manchmal an wie ein wunderschöner Traum, aus dem man langsam aufwacht. Und während wir uns wieder in unserem neuen alten Leben eingerichtet haben, stand Rosalie weiterhin hier unten in Südfrankreich. An Land, unter der erbarmungslosen Mittelmeersonne.

Irgendwie hat uns dieser Gedanke nie ganz gefallen und hat uns Magenschmerzen bereitet. 

Je länger wir darüber nachgedacht haben, desto mehr wurde uns klar, dass diese Region nicht unsere Segelregion ist.  Das Segelgebiet hat uns nie so begeistert wie der Norden. Nicht wie die Ostsee, für die wir problemlos 1'100 Kilometer gefahren sind, nur um ein paar Tage auf dem Wasser zu verbringen.

Hier unten scheint es immer eines von drei Dingen zu geben: Mistral, Mücken oder Hochsaison und wenn Hochsaison ist, hat die Werft keine Zeit für Krantermine.

Dazu kommt Port Napoléon selbst. Der Ort hat uns nie wirklich gepackt. Mitten im Nirgendwo, kaum Infrastruktur, alles wirkt ein wenig verlassen, ein wenig müde, ein wenig so, als hätte jemand vergessen, das Licht auszuschalten.

Irgendwann haben wir gespürt: Das ist nicht der richtige Ort für Rosalie und auch nicht für uns.

Gleichzeitig mussten wir uns die ehrliche Frage stellen, wie viel Zeit wir künftig überhaupt noch fürs Segeln haben würden. Unsere neuen Jobs fordern uns beide. Die langen Reisen ans Meer werden seltener werden.

 

Segeln wollen wir trotzdem. Aber vielleicht näher, einfacher, spontaner.

Dort, wo wir in dreissig Minuten am Hafen sind. Wo ein freier Nachmittag genügt. Wo man auch mal nur schnell zum Apéro aufs Schiff gehen kann. Der Neuenburgersee begann plötzlich sehr viel Sinn zu ergeben.

Also beschlossen wir: Rosalie verkaufen und stattdessen ein passendes Schiff für den See suchen. Klang nach einem guten Plan, war aber gar nicht so einfach.

Wir haben verschiedene Schiffe angeschaut. Vernünftig waren einige davon, praktisch auch. Aber der berühmte Funke wollte einfach nicht springen. Währenddessen meldeten sich erste Interessenten für Rosalie. Besonders einer schien es ernst zu meinen.

Im Februar fuhren wir erneut nach Südfrankreich. Wir zeigten Jean-Luc und seiner Frau das Schiff, teilten Geschichten, Erinnerungen und verbrachten gemeinsam einen ganzen Tag an Bord. Es war ein sympathisches Treffen.

Gleichzeitig ein etwas spezielles, Jean-Luc wirkte unerfahren, stellte viele Fragen und schien vor allem grossen Respekt vor der Entscheidung zu haben. Einige seiner Fragen brachten uns durchaus zum Schmunzeln.

Remo sagte mehr als einmal: "Rosalie ist 46 Jahre alt. Es wird ganz sicher irgendwann etwas nicht funktionieren."

Umso erstaunter waren wir, als Jean-Luc am Abend tatsächlich zusagte und Rosalie kaufen wollte.

Plötzlich ging alles sehr schnell und plötzlich tat es weh. Viel mehr, als wir erwartet hatten.

Wir räumten unsere persönlichen Sachen vom Schiff, gingen gemeinsam zur Capitainerie, erkundigten uns nach der Übertragung des Landplatzes und fuhren mit ziemlich hängenden Ohren zurück in die Schweiz.

Der Abschied war einerseits traurig, andererseits auch befreiend.

Denn ganz ehrlich: Die Verantwortung für eine alte Lady hier unten in Südfrankreich erschien uns manchmal auch ziemlich gross. Sie einfach stehen zu lassen und langsam beim Altern zuzuschauen, kam für uns nie infrage.

Auch wenn es hier unten leider viele solcher Schiffe gibt.

 

Nun fragt sich der aufmerksame Leser vielleicht: Warum sitzen die beiden dann heute trotzdem wieder bei Rosalie?

Die Antwort ist einfach. Aus dem Verkauf wurde nichts. Der Bitcoin-Kurs war plötzlich nicht mehr hoch genug. Der Mut vielleicht auch nicht mehr ganz, Jean-Luc zog sich zurück.

Wir standen wieder am Anfang.....oder vielleicht eben gerade nicht.

Denn plötzlich stellten wir uns eine ganz andere Frage: Warum suchen wir eigentlich ein Schiff in der Schweiz, während wir gleichzeitig versuchen, unser eigenes Schiff in Frankreich loszuwerden?

Je länger wir darüber nachdachten, desto absurder erschien uns die Situation.

Und so entstand ein neuer Plan. Rosalie kommt nach Hause.

Der Hafen von Cheyres hat Hand geboten, wir haben einen grösseren Liegeplatz erhalten und irgendwann war die Entscheidung gefallen, Rosalie wird Schweizerin.

 

Seither verbringt Remo einen beträchtlichen Teil seiner Freizeit damit, mit Zollbehörden, Mehrwertsteuerformularen und Schifffahrtsämtern über Dinge zu sprechen, von denen normale Menschen vermutlich gar nicht wissen möchten, dass sie existieren.

 

Doch nun ist alles vorbereitet, am Dienstag ist der grosse Tag, der Tieflader kommt und holt Rosalie ab.

Manchmal glauben wir, dass wir Entscheidungen treffen.

Und manchmal merken wir erst später, dass Entscheidungen längst getroffen sind und wir nur etwas länger brauchen, um sie zu verstehen.

Vielleicht ist das mit Rosalie genau so.

Wir wollten sie verkaufen.

Nun kommt sie nach Hause.

 

Und irgendwie fühlt sich das plötzlich genau richtig an.

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Kommentare: 5
  • #1

    Meli (Montag, 01 Juni 2026 17:29)

    So schön! Das freut mich für euch und Rosalie� viel Erfolg und gutes Gelingen!

  • #2

    Schick Jeannine (Montag, 01 Juni 2026 20:16)

    Das ist eine wirklich schöne Geschichte!
    Genau so geht es im Leben. Man muss Entscheidungen treffen und erst wenn sie trifft spürt man, ob es sich richtig oder falsch anfühlt!
    Bravo und weiterhin viel Freude mit Rosalie �����

  • #3

    Sylke (Montag, 01 Juni 2026 21:28)

    Genau richtig!!! Ihr ohne Rosalie und Rosalie ohne euch: fuehlt sich nicht richtig an!� Ich freu mich so, dass ihr drei Tril eures taeglichen Lebens bleibt.

  • #4

    Gaby Schneeberger (Montag, 01 Juni 2026 21:31)

    Bravo habt ihr euch entschieden Rosalie in die Schweiz zu zügeln. Endlich kann ich Sie persönlich kennen lernen. Ich freue mich auf das 1 Treffen. Gute Reise��

  • #5

    Bailadora / Karin + Peter (Mittwoch, 03 Juni 2026 09:22)

    Was für ein Zufall!�

    Im Jahr 2024 lagen wir gemeinsam vor Anker in der Bucht vor Marzamemi. Du hast damals sogar ein Foto von unserer Lady gemacht und es uns über Navily geschickt. Leider hat es sich damals nicht ergeben, dass wir uns näher kennenlernen konnten.�

    Genau am 1. Juni – also erst vorgestern – waren wir wieder in dieser wunderschönen Bucht, da unser Boot diesmal in die Werft kommt. Dabei mussten wir an euch denken. Deshalb haben wir ein wenig recherchiert und euren Bericht gelesen.

    Ihr habt bestimmt die richtige Entscheidung getroffen. An diesen alten Ladys hängt man einfach mit ganzem Herzen – wir können das sehr gut nachempfinden.

    Wir wünschen euch von ganzem Herzen alles Liebe, Rosalie einen guten Start im Süsswasser und viele schöne neue Erlebnisse. Vielleicht ergibt sich ja eines Tages die Gelegenheit, dass wir uns am Neuenburgersee kennenlernen.

    Macht’s gut, bleibt gesund und immer eine Handbreite Wasser unterm Kiel�